Gestern bin ich am Hauptbahnhof auf das
Buch "Ich bleib so scheiße wie ich bin" von Rebecca Niazi-Shahabi gestoßen, hab es mir auf der Stelle runtergeladen (kindle für android) und komplett gelesen.
Der Titel hat mich sofort angesprochen. Es geht in dem Buch um den Selbstoptimierungswahn, der in unserer Gesellschaft sehr seltsame Blüten treibt. Überall ist zu hören und zu lesen, wenn man nur richtig will, den Arsch hoch bekommt, an sich glaubt und alle psychischen Blockaden aus der Kindheit beseitigt, sein wahres Selbst freilegt, flutscht das Leben wie von selbst. JEDER kann ALLES erreichen: Traumjob, Traumbeziehung, Traumhaus, Traum-was-weiß-ich. Dieses Buch räumt gründlich auf mit dem absoluten Machbarkeits-Wahn.
Es ist wirklich witzig geschrieben, erinnert streckenweise ein wenig an den Stil von Ephraim Kishon. Sogar einige Aha- Erlebnisse hat es mir beschert. Manchmal schießt es meiner Meinung nach ein wenig über das Ziel hinaus, aber das ist wohl seiner Eigenschaft als Kontrapunkt geschuldet.
Alles in Allem war es Wasser auf meinen Mühlen. Dazu zwei Beispiele aus meinem Alltag:
Eine meiner Freundinnen brachte mich mit folgendem tagelang (!) zur Weißglut: Sie versuchte mir klar zu machen, wenn ich wirklich an mich glauben würde und mich innerlich frei machen würde von den Wunden meiner Kindheit, könnte ich aussteigen und ein bescheidenes, aber erfülltes Leben als Malerin im Bayrischen Wald führen. Mit einer positiven Einstellung zu meiner kreativen Ader wäre es kein Problem, damit genug Geld zum Leben zu verdienen. Äh, ja, klar. Hierzu sei noch erklärt, dass meine gesamte Werkschau zirka 14 äußerst mittelmäßige Bleistiftzeichungen umfasst.
Das zweite Beispiel: eine andere meiner Freundinnen ist ein absoluter Messi. Sie hat bereits ihr großes Haus, das sie mit ihrem Sohn bewohnt, komplett gefüllt. Jegliche Hilfestellung von Freunden, Freundinnen und Verwandten ihr zu helfen, das Chaos in den Griff zu kriegen nützten nichts. Ihre eigenen Versuche von Anpassung an gängige Ordnungsvorgaben scheiterten kläglich und bescherten ihr nichts weiter als Schuldgefühle. Auch der eso-psychologische Ansatz ihr inneres Chaos zu läutern, um dann in strahlender Ordnung im Außen sichtbar zu werden, brachte keinerlei Ergebnisse. Vor einem Jahr endlich konnte sie ihr Problem lösen: sie kaufte eine auf dem Nachbargrundstück gelegene 1000 qm große Halle.
In diesem Sinne - Euch allen einen schönen Sonntag!!